16. Oktober 2026 · KI & Automatisierung
KI-Agenten mit eigenem Firmenkonto: Was jetzt gilt
Bis vor kurzem war ein KI-Agent im Unternehmen ein Werkzeug: Jemand aus dem Team öffnete ein Tool, gab eine Aufgabe ein, bekam ein Ergebnis. Alles, was dabei passierte, lief unter dem Zugang dieser Person. Seit Anfang Oktober ändert sich das grundlegend — und zwar bei den beiden Anbietern, deren Software in den meisten Büros ohnehin läuft.
Google und Microsoft geben KI-Agenten eigene Identitäten im Unternehmen. Nicht im Sinne eines Namens auf einer Oberfläche, sondern als vollwertiges Konto: mit eigener Adresse, eigenen Rechten und eigenem Protokoll. Das löst ein echtes Problem — und schafft ein neues, auf das die meisten Unternehmen nicht vorbereitet sind. Denn wer Berechtigungen nicht bewusst setzt, vererbt sie.
Was Google am 8. Oktober angekündigt hat
Auf der Veranstaltung Gemini at Work hat Google Cloud am 8. Oktober 2026 den „Gemini agent“ vorgestellt — einen Agenten, der Fragen beantwortet, Inhalte erstellt und Code ausführt, und das nicht nur in Googles eigenen Anwendungen, sondern auch in angebundenen Drittsystemen.
Interessant ist der Teil, der in den Schlagzeilen oft untergeht: die sogenannten Coworker-Agenten. Eine Führungskraft beschreibt eine Rolle, und das System legt dafür einen dauerhaften Agenten an — mit eigenem Workspace-Konto, eigener E-Mail-Adresse (berichtet wird ein Muster wie @agents.ihrefirma.de), eigenem Kalender, eigenem Speicherplatz und einem Eintrag im Firmenverzeichnis. Jede Handlung landet in einem Protokoll, das auf den Agenten läuft und nicht auf einen Menschen. Administratoren geben die Rechte dieser Rolle frei.
Das ist, nüchtern betrachtet, ein Fortschritt. Bisher war in vielen Betrieben nicht nachvollziehbar, ob eine Datei von einer Mitarbeiterin oder von einer Automatisierung unter deren Zugang geändert wurde. Mit einer eigenen Agenten-Identität ist diese Frage beantwortbar.
Zur Verfügbarkeit sollte man allerdings nicht zu viel annehmen: Die Berichte widersprechen sich, ob die Funktion noch in einer geschlossenen Vorschau läuft oder bereits in den Gemini-Enterprise-Paketen enthalten ist. Preise und ein allgemeiner Starttermin waren zum Zeitpunkt dieses Artikels nicht veröffentlicht. Für den Mittelstand heißt das: noch nicht buchbar, aber absehbar.
Microsoft geht denselben Weg
Wer Microsoft 365 nutzt, kennt das Prinzip schon. Agenten, die in Copilot Studio entstehen, erhalten dort eine eigene Identität im Verzeichnisdienst Entra — sie ersetzt die frühere Praxis, für jeden Agenten technische Zugänge anzulegen, die niemand mehr zuordnen konnte. Mit „Agent 365“ baut Microsoft darüber eine Verwaltungsebene, die Agenten wie Mitarbeitende behandelt: Rechte vergeben, Zugriffe bedingt freigeben, Protokolle führen, Konten bei Nichtgebrauch abschalten.
Die Lizenz- und Verfügbarkeitsdetails unterscheiden sich je nach Quelle deutlich; hier lohnt ein Blick in die aktuelle Dokumentation statt in Blogbeiträge. Die Richtung ist aber bei beiden Anbietern dieselbe — und das ist die eigentliche Nachricht: Agenten-Identität wird zum Standard. Nicht als Spezialthema für Konzerne, sondern als Teil der Office-Umgebung, die auch ein Betrieb mit 30 Beschäftigten einsetzt.
Die Zahlen: 79 Prozent nutzen Agenten, 2 Prozent steuern sie
Zwei Tage vor Googles Ankündigung, am 6. Oktober, veröffentlichte der Identitätsspezialist SailPoint die fünfte Ausgabe seines Berichts Horizons of Identity Security. Befragt wurden 340 Verantwortliche aus Unternehmen mit mindestens 1.000 Beschäftigten. Zwei Zahlen daraus sind bemerkenswert: 79 Prozent der Unternehmen setzen KI-Agenten im Produktivbetrieb ein — aber nur 2 Prozent verfügen über Werkzeuge, die speziell dafür gebaut sind, deren Identitäten und Rechte zu steuern.
Weitere Ergebnisse passen ins Bild: 86 Prozent haben keine eigenen Zugriffsrichtlinien für KI, 78 Prozent keine schriftlich dokumentierten Regeln für Agenten-Identitäten. Bei menschlichen Zugängen stehen nur noch 23 Prozent auf der untersten Reifestufe, bei Agenten sind es 54 Prozent.
Eine Einordnung gehört dazu: Die Studie kommt von einem Anbieter, der genau diese Software verkauft, und sie befragt große Unternehmen. Für kleinere Betriebe sind die Prozentwerte also keine Prognose. Die Richtung ist trotzdem belastbar — und im Mittelstand dürfte die Lücke eher größer sein, nicht kleiner. Der Bitkom meldete am 14. September, dass inzwischen 57 Prozent der Unternehmen ab 20 Beschäftigten KI einsetzen, nach 36 Prozent im Vorjahr. Gleichzeitig sagen 59 Prozent der Nutzer, sie schöpften das Potenzial überhaupt nicht aus. Breite Nutzung, wenig Struktur.
Warum das auch kleine Unternehmen betrifft
Der häufigste Einwand lautet: Wir bauen doch gar keine Agenten. Das stimmt meistens — und ist nicht der Punkt. Die Agenten kommen über Software, die bereits im Haus ist: ein Assistent im Postfach, eine Automatisierung im CRM, ein Rechnungs-Workflow, ein Chatbot auf der Website. Laut Bitkom läuft KI am häufigsten genau dort, wo es sensibel ist: im Kundenkontakt (72 Prozent) sowie in Marketing und Kommunikation (54 Prozent).
Drei Risiken entstehen dabei still:
- Geerbte Rechte. Ein Agent, der unter dem Zugang der Buchhaltung läuft, darf alles, was die Buchhaltung darf — auch das, was mit seiner Aufgabe nichts zu tun hat.
- Protokolle ohne Aussagekraft. Wenn Agent und Mensch denselben Zugang nutzen, lässt sich im Zweifelsfall nicht klären, wer was ausgelöst hat. Das wird unangenehm, sobald eine Datenschutzanfrage oder eine Prüfung ins Haus steht.
- Konten, die niemand abschaltet. Ein Agent, der für ein Projekt eingerichtet wurde, bleibt nach Projektende aktiv — mit Rechten, an die sich niemand erinnert.
Fünf Schritte, die ohne IT-Abteilung machbar sind
- Inventar erstellen. Listen Sie auf, welche Software bei Ihnen KI-Funktionen nutzt und auf welche Daten sie zugreift. Eine Tabelle reicht. Ohne diese Liste ist jede weitere Maßnahme Vermutung.
- Eigene Zugänge statt Sammelkonten. Wo eine Automatisierung heute über ein persönliches Konto oder ein geteiltes Passwort läuft, richten Sie einen eigenen, benannten Zugang ein — dafür sind die neuen Agenten-Identitäten gemacht.
- Rechte auf die Aufgabe begrenzen. Ein Agent, der Angebote vorbereitet, braucht keinen Zugriff auf Personalakten. Beginnen Sie mit minimalen Rechten und erweitern Sie, wenn etwas fehlt.
- Eine Seite Regeln schreiben. Wer darf Agenten einrichten, wer gibt Rechte frei, was ist ausdrücklich verboten (etwa eigenständige Außenkommunikation ohne Freigabe), wer prüft wann nach. Eine Seite, die gilt, schlägt ein Konzept, das niemand liest.
- Termin zum Aufräumen setzen. Zweimal im Jahr durchgehen: Welche Agenten laufen noch, welche Rechte sind überflüssig, welche Konten können weg.
Fazit: Erst die Regel, dann der Agent
Dass Google und Microsoft Agenten eigene Konten geben, ist kein Marketing-Detail, sondern das Eingeständnis, dass Software inzwischen selbst handelt. Für Unternehmen ist das eine gute Nachricht: Zum ersten Mal lässt sich sauber trennen, was ein Mensch und was eine Automatisierung getan hat. Diese Trennung entsteht aber nicht von allein — sie entsteht durch bewusst gesetzte Berechtigungen.
Die Empfehlung ist deshalb unspektakulär: Machen Sie das Inventar, bevor der nächste Agent dazukommt. Genau dort setzen wir an — mit einem KI-Inventar und einer internen KI-Richtlinie, die festhält, welche Systeme bei Ihnen laufen und wer was freigeben darf.