Juli 27, 2026

Ist WordPress noch zeitgemäß? Eine ehrliche Bestandsaufnahme 2026

Kurzfassung: WordPress ist 2026 nicht tot – aber es ist auch nicht mehr die automatische Antwort auf jede Website-Frage. Zum ersten Mal seit über einem Jahrzehnt verliert das System spürbar Marktanteile. Gleichzeitig hat es mit Version 7.0 den größten technischen Sprung seit 2018 gemacht. Wer die Entscheidung heute trifft, sollte beides kennen.


Die Zahlen: der erste echte Knick seit 2011

Rund 41,5 % aller Websites weltweit laufen auf WordPress (Stand Juli 2026, W3Techs). Unter allen Seiten mit erkennbarem CMS sind es etwa 59 %. Kein anderes System kommt auch nur in die Nähe – Shopify, Wix und Squarespace liegen jeweils im niedrigen einstelligen Bereich.

Interessanter als die Momentaufnahme ist die Richtung:

ZeitpunktAnteil an allen Websites
Anfang 2025 (Höchststand)43,6 %
Dezember 202543,2 %
Mai 202641,9 %
Juli 202641,5 %

Search Engine Journal hat sechs Monate Rückgang in Folge gezählt – WordPress hat im ersten Halbjahr 2026 mehr Anteil verloren als im gesamten Jahr davor. Das ist die erste anhaltende Talfahrt seit Beginn der Messungen.

Zur Einordnung: Bei einer Basis von mehreren hundert Millionen Websites bedeuten 1,3 Prozentpunkte trotzdem, dass WordPress weiter absolut wächst, während es relativ verliert. Das ist kein Zusammenbruch. Es ist das, was Märkte tun, wenn sie reif werden.

Woher der Rückgang kommt

Drei Erklärungen konkurrieren – und vermutlich stimmen alle drei zu einem Teil.

1. Der Wettbewerb ist erwachsen geworden. Für einen Onlineshop ist Shopify heute der kürzere Weg. Für eine designgetriebene Marketing-Site sind Webflow und Framer schneller am Ziel. Für Entwicklerteams liefern Astro, Next.js und ein Headless CMS bessere Performance-Werte out of the box. Und KI-Baukästen bedienen genau das Segment, in dem WordPress früher konkurrenzlos war: die schnelle, günstige Fünf-Seiten-Website.

2. Der Governance-Streit hat Vertrauen gekostet. Der Konflikt zwischen Automattic/Matt Mullenweg und WP Engine läuft seit Ende 2024, ist bis Mitte 2026 nicht entschieden und hat zwischenzeitlich dazu geführt, dass Hunderttausende Websites keine Plugin-Updates mehr ziehen konnten. Für Unternehmen ist das kein Klatsch, sondern ein Risikofaktor: Es zeigt, dass zentrale Infrastruktur eines "offenen" Ökosystems an einzelnen Akteuren hängt. Auffällig ist allerdings: Der Marktanteil erreichte seinen Höchststand nach Beginn des Rechtsstreits. Der Streit erklärt den Rückgang also nicht allein.

3. Der Müll verschwindet. Ein erheblicher Teil der verlorenen Prozentpunkte dürfte auf tote Affiliate-Blogs, aufgegebene Spam-Seiten und Auto-Content-Netzwerke entfallen – Seiten, die in der Statistik genauso zählen wie ein professioneller Unternehmensauftritt. Deren Sterben sagt über die Eignung von WordPress für Ihr Projekt exakt nichts aus.

Wo WordPress 2026 wirklich schwächelt

Das ernsthafteste Argument gegen WordPress ist nicht der Marktanteil. Es ist die Sicherheitslage im Plugin-Ökosystem.

Der Patchstack-Report "State of WordPress Security in 2026" zählt für 2025 über 11.300 neue Schwachstellen im WordPress-Umfeld – ein Plus von 42 % gegenüber dem Vorjahr. Entscheidend ist die Verteilung: 91 % steckten in Plugins, 9 % in Themes, im Core selbst nur eine Handvoll, allesamt unkritisch. Der WordPress-Kern ist also nicht das Problem. Das Problem ist, was wir alle draufinstallieren.

Dazu kommen drei unangenehme Details aus dem Report:

  • Hoch ausnutzbare Lücken haben sich gegenüber dem Vorjahr mehr als verdoppelt.
  • Rund 46 % der Schwachstellen waren zum Zeitpunkt der Veröffentlichung noch nicht gepatcht.
  • Zwischen Veröffentlichung und automatisierter Massenausnutzung liegen bei den attraktivsten Lücken nur wenige Stunden.

Patchstack nennt außerdem einen neuen Treiber beim Namen: per KI generierter Plugin-Code, der veröffentlicht wird, ohne dass jemand ihn sicherheitstechnisch prüfen kann.

Übersetzt heißt das: Eine WordPress-Website ohne aktive Wartung ist 2026 kein sparsames Setup, sondern ein offenes Fenster. Wer Plugins installiert und danach nie wieder hinschaut, betreibt das falsche System – oder betreibt es falsch.

Der zweite Schwachpunkt ist hausgemacht: Zugekaufte Themes plus Page Builder plus 30 Plugins ergeben eine Seite, die schwer zu warten ist und bei den Core Web Vitals verliert. Das ist kein Naturgesetz von WordPress, aber es ist der Normalzustand vieler gewachsener Installationen.

Was 2026 klar für WordPress spricht

WordPress 7.0 "Armstrong" ist am 20. Mai 2026 erschienen und ist der größte strukturelle Sprung seit der Einführung des Block-Editors 2018:

  • KI-Grundlagen im Core: ein WP AI Client und eine Abilities API als standardisierte Schnittstelle zu Anbietern wie OpenAI, Google Gemini oder Anthropic – plus ein zentraler Connectors-Bereich, in dem Anbieter administrativ hinterlegt werden. Plugins müssen die Anbindung nicht mehr jeweils selbst bauen.
  • Ein offizieller MCP-Adapter: KI-Agenten können direkt mit der Website arbeiten – lesend und schreibend. Für redaktionelle Workflows ist das mittelfristig der größere Hebel als jeder "Text generieren"-Button.
  • Modernisiertes Backend: erste echte Überarbeitung des Dashboards seit über einem Jahrzehnt, Command Palette, visuelle Revisionen, neue Design-Werkzeuge.

Ehrlich bleiben muss man auch hier: Die groß angekündigte Echtzeit-Zusammenarbeit wurde kurz vor dem Release gestrichen und kommt voraussichtlich nicht vor 2027. Und die KI-Integration wird in der Community durchaus kontrovers gesehen.

Dazu kommen die strukturellen Vorteile, die keine SaaS-Plattform bietet:

  • Datenhoheit und DSGVO: Hosting in Deutschland, volle Kontrolle über Datenbank und Auftragsverarbeitung. Bei US-SaaS-Baukästen ist das eine juristische Dauerbaustelle.
  • Kein Vendor Lock-in: Sie besitzen Code und Inhalte. Webflow hat im Mai 2026 seine Preise angepasst; einzelne Bestandskunden berichteten von drastisch höheren Rechnungen wegen neuer Bandbreitenlimits. Bei einer selbst gehosteten WordPress-Installation kann Ihnen das strukturell nicht passieren.
  • Fachkräfte und Ökosystem: Sie finden jederzeit jemanden, der das System übernehmen kann. Bei Nischen-Stacks ist das eine reale Abhängigkeit von einzelnen Dienstleistern.
  • WooCommerce bleibt mit rund 4,5 Millionen aktiven Shops die meistgenutzte E-Commerce-Basis nach Anzahl – vor allem dort stark, wo Content und Shop verschmelzen.

Die Alternativen – nüchtern eingeordnet

SystemSweet SpotAchten Sie auf
WordPressContent-getriebene Unternehmensseiten, Blogs, Mitgliederbereiche, Lernplattformen, Shops mit viel RedaktionWartungsdisziplin, Plugin-Hygiene
Webflow / FramerDesign-starke Marketing-Sites, Landingpages, StartupsLaufende Kosten, Lock-in, DSGVO
ShopifyReiner Handel, viele Produkte, ZahlungsabwicklungContent-Marketing bleibt Nebenrolle
Astro / Next.js + Headless CMSHöchste Performance, Multi-Channel, Web-AppsHöherer Initialaufwand, Entwickler nötig
TYPO3Große Organisationen, komplexe Rechte- und MehrsprachigkeitsanforderungenAufwand und Betriebskosten

Die eigentliche Frage lautet anders

"Ist WordPress noch zeitgemäß?" ist die falsche Frage. Sie lässt sich nicht sinnvoll mit Ja oder Nein beantworten, weil sie das System bewertet statt das Projekt.

WordPress ist 2026 die richtige Wahl, wenn:

  • Inhalte im Zentrum stehen und regelmäßig von Nicht-Technikern gepflegt werden,
  • Sie Datenhoheit und Unabhängigkeit von einem Anbieter wollen,
  • Funktionen wie Mitgliederbereiche, Kurse, Buchungen oder Shop dazukommen sollen,
  • und es ein Budget für laufende Wartung gibt.

Schauen Sie sich Alternativen an, wenn:

  • die Seite reine Design- und Kampagnenfläche ist und selten wächst,
  • Ihr Geschäft ausschließlich Handel ist,
  • Sie maximale Performance und Multi-Channel-Ausspielung brauchen,
  • oder niemand die Wartung übernehmen will oder kann.

Der letzte Punkt ist der wichtigste. Die Statistiken über gehackte WordPress-Seiten sind fast nie Statistiken über WordPress – sie sind Statistiken über ungepflegte Websites. Ein System, das jedem alles erlaubt, verlangt im Gegenzug Betriebsverantwortung.

Fazit

WordPress hat 2026 seinen Status als Standardantwort verloren – und ist gleichzeitig technisch moderner als je zuvor. Der Marktanteil sinkt, weil der Markt erwachsen wird und für jedes Segment inzwischen spezialisierte Werkzeuge existiert. Das macht WordPress nicht veraltet. Es macht die Entscheidung nur zu einer, die man begründen muss, statt sie vorauszusetzen.

Wer heute mit WordPress startet, bekommt ein System mit KI-Anbindung im Kern, dem größten Ökosystem der Welt, voller Datenhoheit – und mit der klaren Auflage, es zu pflegen. Wer das nicht leisten will, ist woanders besser aufgehoben. Beides ist eine legitime Antwort.


Quellen

  • W3Techs – CMS-Nutzungsstatistiken (Stand Juli 2026)
  • Search Engine Journal: WordPress Market Share Declines For Six Months In A Row (Mai 2026)
  • The Repository: Analyse der Marktanteilsdaten und Patchstack-Auswertung (2026)
  • Patchstack & Monarx: State of WordPress Security in 2026
  • InfoQ / WordPress.org: WordPress 7.0 "Armstrong", Release vom 20. Mai 2026
  • TechCrunch: Berichterstattung zum Verfahren WP Engine vs. Automattic (2026)
Copyright ©IT-Ilias Zales
linkedin facebook pinterest youtube rss twitter instagram facebook-blank rss-blank linkedin-blank pinterest youtube twitter instagram