
Kurzfassung: WordPress ist 2026 nicht tot – aber es ist auch nicht mehr die automatische Antwort auf jede Website-Frage. Zum ersten Mal seit über einem Jahrzehnt verliert das System spürbar Marktanteile. Gleichzeitig hat es mit Version 7.0 den größten technischen Sprung seit 2018 gemacht. Wer die Entscheidung heute trifft, sollte beides kennen.
Rund 41,5 % aller Websites weltweit laufen auf WordPress (Stand Juli 2026, W3Techs). Unter allen Seiten mit erkennbarem CMS sind es etwa 59 %. Kein anderes System kommt auch nur in die Nähe – Shopify, Wix und Squarespace liegen jeweils im niedrigen einstelligen Bereich.
Interessanter als die Momentaufnahme ist die Richtung:
| Zeitpunkt | Anteil an allen Websites |
|---|---|
| Anfang 2025 (Höchststand) | 43,6 % |
| Dezember 2025 | 43,2 % |
| Mai 2026 | 41,9 % |
| Juli 2026 | 41,5 % |
Search Engine Journal hat sechs Monate Rückgang in Folge gezählt – WordPress hat im ersten Halbjahr 2026 mehr Anteil verloren als im gesamten Jahr davor. Das ist die erste anhaltende Talfahrt seit Beginn der Messungen.
Zur Einordnung: Bei einer Basis von mehreren hundert Millionen Websites bedeuten 1,3 Prozentpunkte trotzdem, dass WordPress weiter absolut wächst, während es relativ verliert. Das ist kein Zusammenbruch. Es ist das, was Märkte tun, wenn sie reif werden.
Drei Erklärungen konkurrieren – und vermutlich stimmen alle drei zu einem Teil.
1. Der Wettbewerb ist erwachsen geworden. Für einen Onlineshop ist Shopify heute der kürzere Weg. Für eine designgetriebene Marketing-Site sind Webflow und Framer schneller am Ziel. Für Entwicklerteams liefern Astro, Next.js und ein Headless CMS bessere Performance-Werte out of the box. Und KI-Baukästen bedienen genau das Segment, in dem WordPress früher konkurrenzlos war: die schnelle, günstige Fünf-Seiten-Website.
2. Der Governance-Streit hat Vertrauen gekostet. Der Konflikt zwischen Automattic/Matt Mullenweg und WP Engine läuft seit Ende 2024, ist bis Mitte 2026 nicht entschieden und hat zwischenzeitlich dazu geführt, dass Hunderttausende Websites keine Plugin-Updates mehr ziehen konnten. Für Unternehmen ist das kein Klatsch, sondern ein Risikofaktor: Es zeigt, dass zentrale Infrastruktur eines "offenen" Ökosystems an einzelnen Akteuren hängt. Auffällig ist allerdings: Der Marktanteil erreichte seinen Höchststand nach Beginn des Rechtsstreits. Der Streit erklärt den Rückgang also nicht allein.
3. Der Müll verschwindet. Ein erheblicher Teil der verlorenen Prozentpunkte dürfte auf tote Affiliate-Blogs, aufgegebene Spam-Seiten und Auto-Content-Netzwerke entfallen – Seiten, die in der Statistik genauso zählen wie ein professioneller Unternehmensauftritt. Deren Sterben sagt über die Eignung von WordPress für Ihr Projekt exakt nichts aus.
Das ernsthafteste Argument gegen WordPress ist nicht der Marktanteil. Es ist die Sicherheitslage im Plugin-Ökosystem.
Der Patchstack-Report "State of WordPress Security in 2026" zählt für 2025 über 11.300 neue Schwachstellen im WordPress-Umfeld – ein Plus von 42 % gegenüber dem Vorjahr. Entscheidend ist die Verteilung: 91 % steckten in Plugins, 9 % in Themes, im Core selbst nur eine Handvoll, allesamt unkritisch. Der WordPress-Kern ist also nicht das Problem. Das Problem ist, was wir alle draufinstallieren.
Dazu kommen drei unangenehme Details aus dem Report:
Patchstack nennt außerdem einen neuen Treiber beim Namen: per KI generierter Plugin-Code, der veröffentlicht wird, ohne dass jemand ihn sicherheitstechnisch prüfen kann.
Übersetzt heißt das: Eine WordPress-Website ohne aktive Wartung ist 2026 kein sparsames Setup, sondern ein offenes Fenster. Wer Plugins installiert und danach nie wieder hinschaut, betreibt das falsche System – oder betreibt es falsch.
Der zweite Schwachpunkt ist hausgemacht: Zugekaufte Themes plus Page Builder plus 30 Plugins ergeben eine Seite, die schwer zu warten ist und bei den Core Web Vitals verliert. Das ist kein Naturgesetz von WordPress, aber es ist der Normalzustand vieler gewachsener Installationen.
WordPress 7.0 "Armstrong" ist am 20. Mai 2026 erschienen und ist der größte strukturelle Sprung seit der Einführung des Block-Editors 2018:
Ehrlich bleiben muss man auch hier: Die groß angekündigte Echtzeit-Zusammenarbeit wurde kurz vor dem Release gestrichen und kommt voraussichtlich nicht vor 2027. Und die KI-Integration wird in der Community durchaus kontrovers gesehen.
Dazu kommen die strukturellen Vorteile, die keine SaaS-Plattform bietet:
| System | Sweet Spot | Achten Sie auf |
|---|---|---|
| WordPress | Content-getriebene Unternehmensseiten, Blogs, Mitgliederbereiche, Lernplattformen, Shops mit viel Redaktion | Wartungsdisziplin, Plugin-Hygiene |
| Webflow / Framer | Design-starke Marketing-Sites, Landingpages, Startups | Laufende Kosten, Lock-in, DSGVO |
| Shopify | Reiner Handel, viele Produkte, Zahlungsabwicklung | Content-Marketing bleibt Nebenrolle |
| Astro / Next.js + Headless CMS | Höchste Performance, Multi-Channel, Web-Apps | Höherer Initialaufwand, Entwickler nötig |
| TYPO3 | Große Organisationen, komplexe Rechte- und Mehrsprachigkeitsanforderungen | Aufwand und Betriebskosten |
"Ist WordPress noch zeitgemäß?" ist die falsche Frage. Sie lässt sich nicht sinnvoll mit Ja oder Nein beantworten, weil sie das System bewertet statt das Projekt.
WordPress ist 2026 die richtige Wahl, wenn:
Schauen Sie sich Alternativen an, wenn:
Der letzte Punkt ist der wichtigste. Die Statistiken über gehackte WordPress-Seiten sind fast nie Statistiken über WordPress – sie sind Statistiken über ungepflegte Websites. Ein System, das jedem alles erlaubt, verlangt im Gegenzug Betriebsverantwortung.
WordPress hat 2026 seinen Status als Standardantwort verloren – und ist gleichzeitig technisch moderner als je zuvor. Der Marktanteil sinkt, weil der Markt erwachsen wird und für jedes Segment inzwischen spezialisierte Werkzeuge existiert. Das macht WordPress nicht veraltet. Es macht die Entscheidung nur zu einer, die man begründen muss, statt sie vorauszusetzen.
Wer heute mit WordPress startet, bekommt ein System mit KI-Anbindung im Kern, dem größten Ökosystem der Welt, voller Datenhoheit – und mit der klaren Auflage, es zu pflegen. Wer das nicht leisten will, ist woanders besser aufgehoben. Beides ist eine legitime Antwort.